European Gravel Championships 2023

Nachdem im Mai mit dem „3Rides Gravel“ in Aachen das erste Gravelrennen für das DGD Racing Team auf dem Programm gestanden hatte, wurde spontan entschieden, sich für die Gravel-Europameisterschaften im belgischen Brabant (bei Leuven) anzumelden. Die EM ist Teil der UCI Gravel World Series 2024 und es werden sowohl die Europameister als auch die belgischen Meister gekürt. Weiterhin kann sich über das Rennen auch für die WM 2024 qualifiziert werden, die ganz in der Nähe im schönen Leuven stattfinden wird.

Die frühe Anreise am Samstag wurde von Daniel und Heiko genutzt, um alle Streckenkilometer probe Fahren zu können. Das Rennen besteht (abhängig von der Altersklasse) aus drei kurzen Runden durch die dichten Wälder südlich von Leuven und einer langen Runde Richtung Brüssel und zurück. Bei gemütlichem Tempo und bestem Wetter wurde die Strecke erkundet und folgende Erkenntnisse gemacht: keine langen Anstiege, mehrere technische Abfahrten, viel Kopfsteinpflaster, viele schöne Feldwege, viel feiner Schotter und im Wesentlichen kein Matsch oder Gras. Insgesamt eine sehr schöne Strecke, die zwar schnell, aber im Renntempo sicherlich nicht leicht sein würde.

Die Startunterlagen bei der Europameisterschaft wurden von Funktionären der UCI höchstpersönlich ausgegeben. Hierbei traf man auf den klassischen Sportfunktionär, wie er im Buche steht: männlich, mit Wohlstandbauch, etwas in die Jahre gekommen und aalglatt (Jede Assoziation zu Willi Konrad wäre natürlich völlig aus der Luft gegriffen). Auf seinen Kommentar „We do it for the money“, wusste Heiko auch nicht mehr zu sagen, als dass Sie sich ja mal bei den Ironman-Veranstaltern Tipps holen können, wie man den Teilnehmern noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann. Immerhin war man sich sicher, dass die Startgebühr der fast 2000 Teilnehmer im nahegelegenen Sternerestaurant Arenberg sinnvoll investiert wurde. Das Starterfeld war sehr prominent besetzt. Neben der gesamte europäische Gravelelite nahmen auch viele aktuelle und ehemalige Straßenprofis am Rennen teil. Teilzeit-Radrennfahrer Valtteri Bottas war ebenfalls am Start.

Aufgrund des sommerlichen Wetters Anfang Oktober, der späten Startzeit von 12 Uhr und der geschätzten Fahrzeit von 4h15min musste sich im Rennen auf eine „Hitzeschlacht“ eingestellt werden. Demzufolge wurde wieder die bewährte Strategie mit einer dritten Trinkflasche in der Trikottasche angewendet. Dies sollte sich als gute Wahl erweisen. Ca. 45 Minuten vor Rennstart fanden sich Daniel und Heiko im Startblock ein. Dies erlaubte zwar eine ordentliche Position in der Mitte des Blocks, bedeutete aber auch, dass man noch ein wenig in der Sonne gegrillt wurde. Die Renntaktik war klar: keine unnötigen Risiken eingehen und versuchen zusammenzubleiben. Ersteres konnte erreicht werden, letzteres leider nicht.

Direkt nach dem Start ging es nach einer scharfen Linkskurve von der Zielgeraden auf einen schmalen und steilen Waldweg. Dort kam es, wie zu erwarten war, zum ersten Stau. Hier wurden Daniel und Heiko trotz flotter Fahrt von vielen übermotivierten Fahrern überholt. Nach dem ersten Anstieg war das Feld aber glücklicherweise etwas ausgedünnt und man konnte relativ schnell seinen Rhythmus finden. Ungünstigerweise verloren sich Daniel und Heiko bereits in den ersten 5 Rennminuten und fuhren ab dann ihr Rennen getrennt.

Ein wiederkehrendes Thema des Rennens waren bedauerlicherweise die vielen Kettenabwürfe, die sowohl am Ridley als auch am Stevens vorkamen. Nachdem man am Vortag schon festgestellt hatte, dass dies in den technischen und holprigen Abfahrten auch ohne Schalten passieren kann, wurde im Rennen mehr nach dem Prinzip Hoffnung gefahren. Ohne Erfolg. Insgesamt hatte Daniel 3 Abwürfe und Heiko ganze 6! . Hier muss auf jeden Fall nochmal technisch nachgerüstet werden.

Ansonsten lief das Rennen für Heiko insgesamt gut. Die Verpflegung mit Essen im Rennen klappte gut und es konnte bis zum Schluss des Rennens Druck auf das Pedal gebracht werden. In der letzten Runde dienten die Geräusche des sich nähernden TV-Helikopters nochmal als Motivation, sich nicht von der Spitze des Eliterennens überrunden zu lassen. Mit Erfolg. So kam Heiko nach 4h9min in Ziel, knapp 1 Minute vor Jasper Stuyven. Leider wurde damit die WM-Qualifikation denkbar knapp um eine Minute verpasst. Daniel war nach dem frühen ersten Kettenabwurf weiter hinten im Feld einsortiert und war dauerhaft mit deutlich schwächeren Fahrern in Gruppen. Dadurch vergrößerte sich sein Rückstand kontinuierlich und er kam mit einer Zeit von 4h21min ins Ziel. Dort wurde sich dann erstmal ein eiskaltes Jupiler gegönnt.

Insgesamt war das Event, vor allem im Vergleich zu Aachen, einem Gravelrennen würdig. Positiv zu erwähnen waren auch die Tausenden Zuschauer am Streckenrand, die von der Elite bis zum Hobbyfahrer alle Athleten frenetisch anfeuerten. Hier macht sich klar bemerkbar, dass Fahrradfahren in Belgien Nationalsport ist.

Epilog: Daniel und Heiko entschieden sich dazu, das Rennen in einem leckeren griechischen Restaurant in Leuven ausklingen zu lassen. Die Anreise zu Fuß klappte auf dem Hinweg auch gut. Auf dem Rückweg im Dunkeln wurden die beiden aber von der Apple-Maps-Navigation „komooted“ und der eingezeichnete Fußweg endete nach einer längeren Durchschlagübung durch hohes Gestrüpp in einem Schilfhain. Ein Umdrehen war unausweichlich. Schlussendlich konnte das Hotel trotz des ungewollten Umwegs, wenn auch mit nassen Füßen, erreicht werden.

Ötzi 2023 – Pacing nach Bauchgefühl

Von den ursprünglich vier gemeldeten Fahrern sollten nach Krankheits- und Trainingsausfällen nur Heiko und Moritz an den Start gehen. Diese beiden dafür aber mit Rekordkilometern (knapp 6000 bzw. 7000) zur Jahreshalbzeit in den Beinen. Der Startplatz wurde nach abgeschlossener Familienurlaubsplanung im Hause Egert in der Nachverlosung ergattert, was zu diversen Zusatzschwierigkeiten sorgte: Moritz kam aus dem Raum München nach (geplantem) Fahrzeugwechsel im Auto seiner Mutter angereist, Heiko kam direkt aus Darmstadt und mit dem Starterbeutel und einer vorbildlichen Tapering Einheit im Gepäck mussten noch 600 Höhenmeter mit den Autos auf einer unbefestigten Straße ins Hotel gefahren werden, was anderes war eben nicht mehr frei, und just am Vorabend des Ötzis beschloss der hiesige Koch dem traditionellen französischen Saucenrezept « man nehme eine Flasche Rotwein und fülle sie in den Koch… » zu folgen, was das Carboloading zu einer dreistündigen, unorganisierten Ausdauerpartie machte. On the good side: keine Zeit, sich Stress vor dem Rennen verrückt zu machen.

Auf gehts!

Der Wecker wurde auf 4:45 gestellt, eine Stunde später drängelten sich die beiden Racing Team Fahrer noch professionell nach vorne, was hier relativ zu sehen ist und nach Heikos Analyse des Veranstaltervideos ungefähr Platz 1200 entsprach, und schneller als gedacht war man mitten drin im Rennen, das beide Fahrer wie geplant getrennt bestreiten sollten.
Das ambitionierte Ziel war, bei der ersten Teilnahme und fast komplett ohne Streckenkenntnis, direkt unter der magischen Grenze von 8h zu bleiben. In der Abfahrt nach Ötz konnte ich gefahrlos mehrere hundert Plätze gut machen und nach kurzem Stau auf den ersten 3km konnte ich die anvisierten 300W am Kühtai entspannt abspulen. Sogar der Auftrag, Flo Neuschwander von meinem Nachbarn zu grüßen, konnte mit einem lockeren Plausch abgeschlossen werden. Mit bis zu 104,6kmh rauschte es nach Innsbruck in einer größer werdenden Gruppe runter und am Brenner konnte ich im Windschatten wie geplant Kraft sparen und Energie nachtanken. Die Trinkstrategie sah bis dahin 2l Iso vor und mit einer kleinen Attacke vor der Verpflegung am Brennerpass konnte ich das Nachtanken in unter 2 Minuten erledigen, Pappbecher Red Bull inklusive.

Was nicht passieren darf…

Das sollte trotzdem zu wenig sein, denn wie so oft merkte ich von den hohen Temperaturen gar nichts (sehr gut) und schwitzte viel mehr als ich dachte (nicht sehr gut, wenn man nicht genug trinkt). Der durchgängig hohe Puls um 165 trotz vorbildlich gedämpfter Fahrweise (240-250W) hätte mich misstrauisch und auf den Pfad „einsetzende Dehydrierung“ bringen müssen, aber im Rennen ist man nie so schlau wie nachher beim Bier. Wasser hätte es am Jaufenpass oben zuhauf gegeben, als ich mich a Position 170 liegend in die schöne, technische Abfahrt stürzte. Ich wartete aber bis zum Fuß des Timmelsjochs um mir von Katie die bestellten, hochkonzentrierten Iso-Pullen reichen zu lassen. Letztere trank ich dann viel zu schnell um den Durst zu stillen und es war um den Magen geschehen — über 20 Minuten Zwangspause am Streckenrand. Bis dahin lag ich auf Kurs 7h50. Mega, und ebenso mega die Enttäuschung, einfach nicht mehr fahren zu können.

Doch noch ordentlich im Ziel

Ich verlor fast 150 Positionen, berappelte mich aber zu meiner größten Überraschung nochmal und konnte, auch dank des Weltklasse Domestique Alex, ordentlich zu Ende fahren und Positionen gut machen. Am Gegenhang zur Mautstelle waren die Beine sogar wieder zu 280W bereit und mit einer sauberen Abfahrt brachte ich meinen ersten Ötzi auf Platz 277 zu Ende. In der Nettofahrzeit erreichte ich mein Ziel sogar: 7:59:15. Mit Pause natürlich nicht. Hoffentlich gibt es dazu nächstes Jahr die Chance. Bis dahin wartet erstmal in zwei Wochen mein eigentlicher Saisonhöhepunkt Giro Delle Dolomiti.

Ötzi – knapp das Ziel übertroffen

Aus einer winterlichen Bierlaune in Lanzarote heraus geboren, meldeten sich ursprünglich 4 Fahrer des DGD Racing Team beim Ötztaler Radmarathon an (Teamanmeldung). Die statistisch erwartbare Absage (ca. 75 %) durch den Veranstalter verwunderte daher erstmal niemanden. Umso überraschender kam es dann, als man über die Nachrückerregelung einen der begehrten Startplätze ergattern konnte.

Also packte man die Gelegenheit beim Schopfe und inkludierte den Ötztaler Radmarathon kurzerhand ins Rennprogramm für 2023. Als Vorbereitungsveranstaltungen wurden der Radmarathon Rhön sowie L’Alsacienne auserkoren.

Bedingt durch Trainingsrückstand nahmen leider nur Moritz und Heiko die Reise nach Sölden auf sich. Dort bezog man mangels Alternativen eine Unterkunft auf über 2000 Metern (frei nach dem Motto: „sleep high, train high“), die nur über eine waghalsige Schotterpiste zu erreichen war. Walter Röhrl hätte die Anfahrt zum Hotel vermutlich große Freude bereitet.

Am Renntag hatten Moritz und Heiko den Plan, gegen 6 Uhr am Start einzutreffen. Dies klappte auch gut, war bedauerlicherweise trotzdem im Vergleich zu den anderen Teilnehmern ziemlich spät. Unter der Führung von Moritz begann nun eine Durchschlagübung, die jeden Bundeswehrgeneral stolz gemacht hätte. Durch Büsche und Menschenmengen hindurch, schaffte man es, sich seitlich von den Radfahrern bis ca. auf Position 1200 vorzuarbeiten (konnte anhand der Videoaufnahmen grob geschätzt werden). Das Rennen vor den Rennen lief also schonmal gut. Das Wetter war ausgezeichnet und außer Armlingen für den Start konnte in Sommerbekleidung an den Start gegangen werden.

Ungefähr 3 Minuten nachdem die ersten Fahrer losfahren durften, ging das Rennen schließlich auch für Moritz und Heiko los. Da sich die Fahrer erst wieder im Ziel wiedersehen sollten, gibt es diesmal einen geteilten Rennbericht :-).

Heikos Rennbericht (Strava):

Kapitel 1: Sölden bis Ötz (KM 0 – 31.4), 123Watt, 51,4 km/h

Die ersten 30 Kilometer bergab bis Ötz ging es im „Superpeleton“ flott voran und durch geschicktes Durchmogeln konnten bis zum Kühtai einige Hundert Plätze gutgemacht werden. Laut offizieller Zeitmessung war auf dem Abschnitt nur unwesentlich langsamer als die Spitzengruppe.

Kapitel 2: Ötz bis Kühtai (KM 31.4 – 49), 258Watt, 14,1 km/h

Der erste Anstieg wurde streng nach den im Vorfeld berechneten 260 Watt gefahren. Dies erwies sich als genau richtig. Ein flottes Tempo, ohne dass man sich zu sehr verausgaben musste. Dabei wurde ebenfalls bereits an die Verpflegung gedacht und die ersten Riegel gegessen. Schließlich sollte verhindert werden, später im Rennen ins Energiedefizit zu laufen. Bei der ersten Verpflegungsstation auf der Passhöhe war erstaunlich wenig los und sowohl Iso, als auch Gels konnten ohne Anstehen bezogen werden.

Kapitel 3: Kühtai bis Innsbruck (KM 49 – 84), 119 Watt, 54,5 km/h

Dank kurvenarmer Straße und Rückenwind konnte man es auf der Abfahrt vom Kühtai gut laufen lassen. Es wurden Geschwindigkeiten jenseits von 100 km/h erreicht. Dementsprechend schnell erreicht man das Ende der Abfahrt. Von da sind es ca. 10 Kilometer bis Innsbruck. Hier erinnerte sich Heiko an die Ratschläge aus diversen Podcasts, die mit Nachdruck nahelegten, sich nach dem Kühtai einer großen Gruppe Anzuschließen, um danach im Energiesparmodus den Brenner hochfahren zu können. Leider formte sich nur eine Gruppe von ca. 10 Leuten. In der Ferne sah man einer eine deutlich größeres Feld. Also organisierte sich Heiko mit der Gruppe und dank einer gemeinsamen Anstrengung schaffte man es gerade noch rechtzeitig vor Innsbruck auf eine ca. 100 Fahrer große Gruppe aufzufahren.

Kapitel 4: Innsbruck bis Brenner (KM 84 – 120), 209 Watt, 29,1 km/h

In der riesigen Gruppe ging es anschließend, gut im Windschatten versteckt, in einem Affenzahn hoch zum Brennerpass. Die Fahrt im Feld wurde genutzt, um sich zu verpflegen.

Kapitel 5: Brenner bis Sterzing (KM 120 – 137.9), 147 Watt, 41,2 km/h

Die Pause am Brennerpass war leider etwas chaotisch, da neben des Auffüllens der Flaschen auch der Lokus aufgesucht werden musste (eventuell war etwas zu viel Koffein im Getränk). An der Toilette konnte man sich glücklicherweise „dynamisch anstellen“ und schlussendlich nur mit leichter Verzögerung wieder aufs Rad steigen. Im Wissen, dass mit dem Jaufenpass das eigentliche Rennen erst richtig losgeht, fuhr man entspannt den Brenner hinunter bis nach Sterzing, wo man nach einer unnötigen Dorframpe an den Fuß des Jaufenpass gelangte.

Kapitel 6: Sterzing bis Jaufenpass (137.9 – 153.8), 235 Watt, 13 km/h

Ab hier hat man es moralisch schon fast geschafft. Schließlich sind es ab hier ja nur noch 80 Kilometer … und 2 Pässe … und 3000 Höhenmeter 🙂 . Ab hier kann man das Rennen komplett in einem eigenen Tempo fahren, denn Gruppen spielen ab hier keine Rolle mehr. Also wurde auch der Jaufenpass strikt nach Vorgabe gefahren (235 Watt). Dies ging auch erstaunlich gut. Um die Muskeln am sehr gleichmäßigen Anstieg frisch zu halten, wurde ca. alle 2 Minuten kurz im Wiegetritt gefahren.

Kapitel 7: Jaufenpass bis St. Leonhard (153.8 bis 173.5), 23 Watt, 51,3 km/h

Die steile und technische Abfahrt bis St. Leonhard wurde vorsichtiger gefahren als zuvor noch am Kühtai. Während das Kühtai immerhin schonmal mit dem Auto befahren wurde, war der Jaufenpass gänzlich unbekannt war. Außerdem ist der Asphalt nicht immer ideal. Viel Zeit lässt sich in dieser Abfahrt aber ohnehin nicht herausholen. Während der Abfahrt zeichnete sich bereits ab, dass es auf der Alpensüdseite deutlich wärmer sein sollte als noch in Österreich – Ein heißer Föhn blies den Fahrern ins Gesicht.

Kapitel 8: St. Leonhard bis Timmelsjoch (173.5 bis 201.7), 219 Watt, 13,5 km/h

Umso freudiger wurde der einzige selbst organisierte Zwischenstopp erwartet. Denn dankenswerterweise hatte sich Katie mit Erfrischungen in St. Leonhard platziert. Zum Glück hatte Heiko am Vorabend nochmal extra Wasser und Cola geordert. Diese waren bei den Temperaturen auch bitter nötig. Nach einem etwas längeren Plausch (10 Minuten Pause) mache sich Heiko dann auf den Weg zum entscheidenden Abschnitt des Radmarathons hoch zum Timmelsjoch. Die 1600 Höhenmeter am Stück können schon beängstigend sein. Allerdings waren die Beine noch gut und die Vorgabe von 220 Watt konnte erneut genaustens eingehalten werden. Angetrieben durch sich anbahnende Langeweile machte sich Heiko am Timmelsjoch auf die Suche nach einem Gesprächspartner, um den über 2h langen Anstieg moralisch etwas zu verkürzen. Leider war den meisten Fahrern nicht zu reden zumute. Ca. nach der Hälfte des Anstieges traf Heiko aber glücklicherweise auf Extremläufer Florian Neuschwander, der das Rennen nur aus Spaß an der Freude bestritt und daher zu Scherzen aufgelegt war. Dank der netten Unterhaltung erreichte man das Timmelsjoch (gefühlt) deutlich schneller.

Kapitel 9: Timmelsjoch bis Sölden (201.7 bis 225.5), 43,6 km/h, 151 Watt

Eigentlich wollte Heiko während des Rennens nicht auf seine Fahrtzeit schauen. Nachdem er aber von einem anderen Mitfahrer gefragt wurde, ob die 8h10 Minuten am Timmelsjoch reichen würden, um innerhalb von 9h ins Ziel zu kommen, wurde nun doch der Ehrgeiz ein wenig geweckt. Zum einen waren die 9h genau das selbst gesteckte Ziel und zum anderen erschien es im Rahmen des Möglichen, innerhalb von 50 Minuten nach Sölden zu kommen. Also entschied man sich, die letzten Kilometer gemeinsam aufs Gas zu drücken (da wo möglich). Da sich beide Fahrer die Kräfte gut eingeteilt hatten, ging es dementsprechend flott Richtung Ziel. Umso erstaunter war Heiko, als er bereits nach 8h40Minuten und 35 Sekunden vor einer überwältigenden Menschenmenge durchs Ziel fuhr. Damit wurde das eigene Ziel von 9 Stunden deutlich übertroffen, jedoch die Qualifikation für den ersten Startblock, denkbar knapp, um nur 35 Sekunden verpasst. Der Ärger darüber war aber nach 10 Sekunden verflogen.

Fazit

Für fast alle Fahrer, insbesondere die jenseits von 75 Kilo, ist der Ötztaler Radmarathon genauso Radrennen, wie Fresswettkampf. Auch wenn die Nahrungsaufnahme unter Last im Vorfeld geübt wurde, war jeder Riegel und jedes Gel eine Überwindung und der Magen fühlte sich immer latent schlecht an. Nichtsdestotrotz konnte Heiko im Rennen ca. 3700 Kcal essen (7 Liter Iso, 6 Riegel, 13 Gels, 1 Banane und 1 Apfel). Stellt man dies einem geschätzten Kalorienverbrauch von 5800 kcal gegenüber, so war dies zusammen mit den körpereigenen Energiespeichern gerade ausreichend, um nicht leerzulaufen.

Die erste Teilnahme war alles in allem ein großer Spaß und deutlich erfolgreicher als gedacht. Bei sinnvoller Fahrweise kann man das Rennen in Zukunft, sofern man die Lotterie gewinnt, auch mal mit weniger guter Form in Angriff nehmen. Gerne natürlich auch mit noch besserer Form ;-).

Alto Adige 2023 – Étape 4 & 5

Am 4. Trainingstag am Mittwoch wurde die Gruppenkonfiguration des Vortags bis auf geringfügige Variation weitestgehend beibehalten. Nachdem Moritz‘ Ärger schon über das nicht funktionsfähige Streckenladen auf seinem Wahoo früh morgens einen neuen Höhepunkt erreicht hatte und er sich allen Ernstes ein Garmin herbeiwünschte, konnte dank Hotspot doch noch der Track für die Königsetappe geladen werden und um 7h58 ging es los.
Katie, Daniel und Moritz rollten gemeinsam auf dem Radweg nach Grigno, von wo mit dem Passo Brocon (23km/1363Hm) einer der schönsten Pässe überhaupt unter die Pneus genommen wurde. Daniel und Moritz fuhren gemeinsam, bis auf geringfügige Unstimmigkeiten ob man im Ort nach der Hälfte des Anstiegs dem Schild nach links Richtung Passo Brocon oder doch dem Schild nach rechts zu ebendiesem folgen sollte. Die Pace war gut und die Passhöhe inmitten einer Wolke wurde in 1h26 und damit 6min schneller als im Vorjahr erreicht. Katie fand ebenfalls einen sehr starken Rhythmus und kam in 2h01 oben an.

Erste Regenwolken zogen auf und um nicht nass zu werden stürzte sich Moritz schon vor Katies Ankunft in die Abfahrt nach Canal San Bovo, während Daniel wie geplant auf Katie und den Sonnenschein wartete, um die Alternativabfahrt zurück ins Brentatal und nach Calceranica zu nehmen. Damit kam für die beiden eine trockene Tour von 120km/1800Hm zusammen.
Dass Moritz nicht trocken bleiben würde, war spätestens klar, als ihm bei nahezu schwarzem Himmel Autos mit aktiviertem Scheinwerfer und Scheibenwischer im Zwischenanstieg zum Passo Gobbera entgegenkamen. Dass es allerdings so nass (Level: Dusche mit Massagestrahl) werden würde, kam doch überraschend. Zum Glück mussten nur 3km bergab geschwommen werden und neben Handtuch, Cappuccino und Croissant, äh Brioche, bot eine Dame im Hotel Al Bivio in Imer auch gleich noch an, Moritz‘ Kleidung in den Trockner zu stecken. Bemerkenswerterweise verzichtet dieser darauf, die Hose auszuziehen. Es dauerte nicht lange bis die Sonne hervorkam und bei bestem Wetter und mit sehr guten machte sich Moritz auf den Weg über den Passo Rolle (null Verkehr diesmal) und durchs Flamstal zurück nach Calceranica.

Einzig eine sinnlose 17% Rampe, die der Fahrer eigenhändig nach 171km eingeplant hatte, trübte die Stimmung leicht, vor allem weil laut Straßenbeschilderung auch ohne direkt nach Pergine kommt. Sei’s drum: unfassbar schöne Königsetappe mit 206km/3600Hm.
Sebastian fuhr eine selbst kreierte Strecke um ganz gezielt an seiner Form arbeiten zu können. Es lässt sich über die Ästhetik des Strecken-Layouts streiten, nicht jedoch darüber, dass das Ganze seinen Zweck erfüllte.

Um dem angekündigten schlechten Wetter für Freitag einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen wurde der Ruhetag gestrichen und die letzte Etappe auf Donnerstag vorverlegt. Diesmal startete das ganze 4er-Peloton gemeinsam auf einer Runde über den Hausberg, die Mauer runter und als Hauptgang der Anstieg zum Passo Sommo, immerhin 1163Hm auf 15,5km.

3/4 Fahrern hatten Streckenkenntnis und waren allesamt von der Steilheit des Anstiegs überrascht. Die Trainingsplanung hatte verschiedene Herangehensweisen an den Anstieg vorgesehen — zu zuordnen sind:

a) Einfach mit 270W hochfahren
b) von Ruhetagstempo faseln, das nach 10 Sekunden verwerfen und dann in genau 1:00:05 ankommen
c) Gemütlich fahren und auf den letzten 3km Gas geben
d) sich über zu niedrigen Puls beschweren und dann problemlos die gleiche Pace wie am Stelvio fahren.

Die abwechslungsreiche Abfahrt zurück an den See war von netten und weniger netten Autofahrern geprägt; Punkt 13h waren alle von der Tour zurück und der gemütlichste Teil der Woche in Calceranica kann beginnen. 😉

Alto Adige 2023 — Étape 2

Da der Tourenplaner, wie jüngst ausführlich diskutiert, sein Kontingent an steilen Anstiegen bereits vor Ende der ersten Etappe ausgereizt hatte, wurde er folgerichtig um kurz nach 6 in der Früh alleine losgeschickt. Auf dem Programm standen Monte Bondone in der klassischen Nordanfahrt aus Trento und danach, auf besonderen Tipp des Bergflohs, zum ersten Mal der Monte Velo. Der Teamchef ergänzte das Pässemenü noch um weitere 300 Höhenmeter und den idyllischen Passo Bordola, ohne jedoch selbst die ersten beiden Gänge zu konsumieren. Es starteten nämlich in bisher einmaliger Konfiguration Daniel und Katie als „Speerspitze 2.0“ um kurz nach 8 um nach dem Hausberg eben jenen Pass aus dem Etschtal direkt zu bezwingen, während Sebastian zunächst mit Tilli und Rosalie Quatschi machen und sich dann die Beine bei einer Runde um den Lago freifahren wollte. Beides gelang gut.

Zurück im Renngeschehen hatte Moritz nach einer unfreiwilligen Stadtrundfahrt durch Trento (Radweg teilweise gesperrt) den Bondone wie geplant im kontrolliertem Tempo (1h12, 275W) bezwungen und, nach einer längeren Diskussion über Brioches mit der netten Bedienung, im Hotel Montana die Rechnung beglichen. Schätzfrage für die Blogleser: wie viel Geld wurde hierfür fällig?

Das Preisgeld für die beste Einsendung entspricht der Hälfte des Rechnungsbetrags.

Nach einem weiteren Pitstopp am Fuße der Highspeed-Abfahrt Richtung Lasino konnte auch am Monte Velo die Pacing Strategie nahezu perfekt umgesetzt werden (Vorgabe 300W, Resultat 297W). Viel Fahrradverkehr und diverse Straßenmalereien motivierten zusätzlich. Kurz vor der Passhöhe traf Moritz wie erhofft auf Daniel und Katie, die gerade mit dem Apfelstrudel begannen. Nach längerer Erfrischungspause wurde der Rest der Tour dann gemeinsam zu dritt gefahren.

Katie bekam auf eigenen Wunsch einen Kurs Abfahrtstechnik vom Teamchef — die traumhafte Abfahrt nach Nogaredo bot Stoff für diverse Lektionen. Der dritte Fahrer im Bunde erhöhte zwar erfolgreich das Grundtempo auf dem Radweg, weil seine diversen Überzeugungsversuche, über die Mauer von Matarello abzukürzen, aber auf taube Ohren stießen, musste der Schlussanstieg zurück zum Lago bei teilweise 39° bewältigt werden. Trotzdem kamen alle drei gut gelaunt und nur 10 Minuten hinter der prognostizierten Ankunftszeit zurück.

Eckdaten: 157km/3800Hm (M); 110km/2000Hm (D&K)