Trainingslager Gran Canaria 2024 – Einrollen

Nachdem Micha und Janine Meyer Heiko und Daniel beim Giro delle Dolomiti 2022 von ihrem Januar Jahresurlaub (3 Wochen) in Gran Canaria erzählten, wurde beschlossen, die mittlere Woche mitzukommen. Die Anreise wurde dank kostenlosem Firmenparkplatz und schöngerechneter Businessclass (inkl. Radgepäck) sehr angenehm gestaltet. Nach kurzer Wartezeit am Gepäckband und etwas Konfusion wo genau man den Privattransfer antreffen würde ging alles glatt und die Räder konnten schnell aufgebaut werden, sodass eine sehr kurze Einrollrunde ans Meer drin war. Die Temperaturen waren mit 25 Grad überraschend sommerlich.

Treffpunkt mit der 8er Radgruppe war 9:30 Uhr an der Tanke in Maslopalmas. Für die Neuankömmlinge wurde extra eine „flache“ Tour ohne richtige Berge geplant. Das Tempo war moderat, die Leistungsstärke der Gruppe war sehr heterogen – Daniel und Heiko waren im guten Mittelfeld, zwischen Lizenzfahrern, Ötztalstreckenrekordhalterinnen und Leuten mit etwas Trainingsrückstand war alles geboten. Die Strecke war fast komplett hügelig, es gab 2 Todesrampen und eine Art „Klosterberg“ wo oben gewartet wurde, Heiko teste dort mal kurz seine Form an. Als selbst Daniels Trinkflaschen leer waren (bei ca. km 90), wurde an einem Minisupermarkt getankt. Von Chips zu Gebäck und Haribo, Cola und Wasser gab es diverse verschiedene Varianten. Für die Technikfans unter den Lesern wurde auch alles geboten: alle 3 Schaltungshersteller, 10-12fach, 1-3fach, Felgen- und Scheibenbremsen war alles vertreten. Nach sehr Gegenwindlastigen 20 km kam dann ein Caféstopp, mittlerweile war die Gruppe nurmehr zu siebt, ein Fahrer war am Hauptanstieg langsamer und hatte entgegen der Anweisung vom Chef den Track nicht auf seinem Gerät geladen. Die letzten paar Kilometer wurden dann in Einerreihe gefahren, um den Gegenwind fair aufzuteilen. Daniels Ablöseversuch wurde von Micha als verkappte Attacke interpretiert, sodass zwischen ihm und Andreas (Lizenzfahrer bei den Sturmvögeln München, mit Oberschenkeln des Todes) ein kurzer Sprint ausgefahren wurde. Eckdaten der Tour: 131km, 27er Schnitt, 2100 Hm
Insgesamt war die GC-Premiere sehr erfolgreich und die Vorfreude auf die richtigen Anstiege ist bereits hoch – ein Dank geht an den Organisator der Touren raus – richtig gut!

Riderman 2023 – Rennbilder

Mit etwas Verspätung gibt es jetzt auch Bilder vom Riderman (die Gewichtung lag an der unterschiedlichen Anzahl an bestellten Tagen)

Taiwan: KOM Challenge, Taifun und Ureinwohner

Als Sven noch im japanischen Kyoto lebte und dort oft mit seinem italienischen Bekannten Giordano die Hausberge befuhr, wuchs der Plan heran, einmal das benachbarte Taiwan gemeinsam mit dem Rennrad zu erkunden. Diese Idee war aber aufgrund von pandemiebedingten Reisebeschränkungen zu jener Zeit nicht in die Tat umzusetzen. Gut zwei Jahre später, war ihnen das Schicksal (zumindest vorerst, siehe unten) dann aber wohlgesonnen und durch einen glücklichen Zufall fiel eine Dienstreise Svens nach Japan (um einen langersehnten Artikel fertig zu schreiben, siehe arXiv:2309.17308 [math.RT]) genau mit Giordanos Reiseplänen nach Taiwan zusammen, sodass sich beide Reisen trefflich kombinieren ließen.

Die Planung der einwöchigen Reise mit dem Rad durch das taiwanesische Inland wurde weitestgehend von Giordano und seiner taiwanesischen Freundin Jean übernommen, sodass Sven nur für Anwesenheit mit funktionierendem Material (Rose Pro SL 105) in Taipeh am vereinbarten Starttag sorgen musste. Ein weiterer Vorteil (zumindest in der Theorie, mehr dazu weiter unten) war die Existenz eines Begleitfahrzeuges. Denn nur zwei der fünf Reiseteilnehmer (plus ein Taiwanhund) waren selbst angetrieben unterwegs. Das Gepäck mussten die Rennradler daher nicht selber transportieren. Svens ablehnende Haltung gegenüber Bikepacking ist zumindest in Japan wohlbekannt.

Blick vom Begleitfahrzeug aus auf die Radfahrer

Anreise und Fahrradtransport über Japan nach Taiwan verliefen problemlos. Doch dann die böse Überraschung: Taifun Koinu (japanisch für Welpe) kündigte sich an, Taiwan volle Breitseite zu geben. War das Schicksal also doch nicht auf der Seite des deutsch-italienischen Radfahrergespanns? Es blieb spannend.

Geplant waren fünf Fahrradtage, mit den (im wahrsten Wortsinne) Höhepunkten am ersten und letzten Tag. Taiwan ist im Wesentlichen eine sich von Nord nach Süd erstreckende Bergkette im Pazifik. Gipfel von knapp viertausend Metern Höhe machen eine Querung mühsam, und so überrascht es nicht, dass es nur zwei intakte Ost-West-Verbindungen gibt. Einmal den weltberühmten Wulin-Pass im Norden (in 90 km von Meereshöhe auf 3275 m und somit der zweitlängste durchgehend asphaltierte Anstieg der Welt, international bekannt als Taiwan KOM Challenge), und im Süden der Insel den nicht minder beeindruckenden Southern Cross-Island Highway mit 2722 m Höhe. Vor allem durch häufige und starke Regenfälle verursachte Erdrutsche machen beiden Pässen zu schaffen und bedingen ständige Reparaturen und gelegentliche Sperrungen.

Die Idee war jedenfalls, am ersten Radtag von Hualien im Osten den Wulin-Pass in westlicher Richtung zu bewältigen (also genau die Route der berühmten KOM Challenge), den Pass dann aber im Westen abzufahren und die Reise im Inland nach Süden fortzusetzen. Am fünften Tag sollte es dann über den Southern Cross-Island Highway wieder nach Taitung an der Ostküste gehen, wo ein ganz besonderes Erlebnis (ohne Fahrradbezug) auf die Reisegruppe wartete.

Tag 1: KOM Challenge

Glück im Unglück: der Taifun gab der Reisegruppe noch eine Galgenfrist und so konnten Sven und Giordano den Wulin-Pass am Vortag des Taifuns bei bestem Wetter (Sonnenschein und tropisch schwüle 33 Grad im Tal, noch 26 Grad auf 2500 m) angehen. Es war klar, dass Wasser die Hauptsorge sein dürfte. Entlang des 90 km langen und 3275 m hohen Anstieges gibt es bis auf ganz am Anfang und Ende keine Möglichkeit Wasser nachzufüllen. Aber es gab ja ein Begleitfahrzeug, dessen Mitfahrer die beiden Radfahrer mit Trinkwasser versorgen sollten. Blöd nur, wenn besagtes Fahrzeug in einer Straßensperre steckt. Der Pass musste nämlich an mehreren Stellen von Erdrutschen befreit werden und war nur intervallweise befahrbar. Den Radfahrern gelang es, mit etwas Glück, den gesamten Pass mit nur zehn Minuten Zwangspausen zu bewältigen, das Begleitfahrzeug hing aber irgendwann so hoffnungslos zurück, dass klar wurde, dass die bei den schweißtreibenden Temperaturen dringend notwendige Wasserversorgung ausfallen würde. Das war ein Problem, ein großes Problem. Die Radfahrer versuchten, bei etwas reduziertem Tempo möglichst sparsam zu trinken, merkten aber bei über zweitausend Metern Höhe eine einsetzende Dehydrierung. Die Taiwaner sind zum Glück ein sehr hilfsbereites Volk und vor allem die zahlreichen Motorradfahrer, die immer nett zu winken wussten, solidarisierten sich mit den beiden einsamen Radfahrern: bei einer kurzen Baustellenpause spendierten sie großzügig zwei Liter Wasser aus ihrem persönlichen Vorrat. Die Baustellenwärterin brachte dann sogar noch eine Kleinigkeit zu essen.

Aufstieg zum Wulin-Pass durch die Taroko-Schlucht

Gestärkt und mit neuem Mut ging es dann an das letzte (und mit Abstand steilste) Drittel. In der Tat ist der Wulin-Pass gerade am Anfang sehr flach. Dort bummelten und schwätzten die Radfahrer und ließen aus Befahrungssicht sicherlich einige Minuten liegen. Andrerseits war es gerade auch der Plan, für die letzten eintausend Höhenmeter noch einigermaßen frisch zu sein. Diese wurden alsbald erklommen und nach etwa fünfeinhalb Stunden (bereinigt) erreichten die Radler erschöpft, aber wieder gut gelaunt die Passhöhe. Geschafft! Auf der Passhöhe herrschte reges Treiben und man traf einige posierende Radfahrer, die dem Anschein nach aber nur die letzten zweihundert Höhenmeter mit dem Rad bewältigt hatten. Nun gut. Nach einer kurzen Wanderung (Sven barfuß, da mit SPD-SL unterwegs) auf den Gipfel genossen die beiden Radfahrer die phänomenal lange Abfahrt in Richtung Südwesten und erreichten kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Unterkunft in Lishan, wo ein Festmahl bereitet aus frischem Gemüse und Obst der lokalen Bauernhöfe auf sie wartete.

Die gesamte Passstraße war übrigens bis auf die zwei, drei Erdrutsche hervorragend asphaltiert.

Tage 2 – 4: Durchs Inland

Um den geneigten Leser nicht zu ermüden, seien die nächsten drei Etappen nur kursorisch erwähnt. Es ging über (teils 60 km lange ohne eine einzige Abzweigung) Nebenstraßen durch das taiwanesische Inland (mit Zwischenhalten am Sonne-Mond-See, in Alishan und Baolai). Dort begegneten die beiden Radfahrer streunenden Hunden, Affen und sehr netten taiwanesischen Ureinwohnern, die oft im Vorbeifahren zuwinkten oder aus dem Moped oder Kleinlaster heraus (auf Chinesisch oder in ihrer eigenen Sprache) anfeuerten. Man merkte: hierhin verirrt sich selten ein Rennradfahrer. Nur einhundert Kilometer von Taipeh entfernt, eine ganz andere Welt. Die Straßen waren wieder erstaunlich gut asphaltiert (der Darmstädter freut sich darüber ja immer besonders), aber auch hier mussten wieder zahlreiche Erdrutsche überwunden werden. Ein Gravelrad wäre sicher von Vorteil gewesen. Sven (zur Erinnerung: mit SPD-SL) entschied sich alles vorsichtig zu fahren, während Giordano (mit SPD) sich oft zum Schieben entschied. Doch dank des ausreichend hoch gewählten Reifendruckes blieben die beiden Radfahrer während der gesamten Reise von Platten verschont. Landschaftlich wechselten sich tropischer Urwald und Tee-, Kaffee-, Kohl- und Palmenplantagen ab. Auf dem Fahrrad wurde es nie langweilig.

Bleibt zu erwähnen, dass das Fahrrad-Duo (mit Ausnahme eines nassen vierten Tages) vom Taifun verschont blieb. Die Berge schirmten es hervorragend vom im Osten des Landes wütenden Wirbelsturm (die Tagesschau berichtete) ab.

Am fünften Tag hätte die West-Ost-Überquerung des 2722 m hohen Southern Cross-Island Highways stattgefunden. Leider stellte sich am Vorabend heraus, dass die Passstraße auf der Ostseite temporär in eine Richtung für Wiederherstellungsarbeiten gesperrt ist. Vielleicht sollte man sagen: zum Glück. Hätte sich dies erst auf der Passhöhe herausgestellt, wären über 300 km nötig gewesen, um die Unterkunft zu erreichen. Eine Katastrophe. Also ging es stattdessen mit dem Auto und einem notwendigen Umweg fast bis zur Südspitze Taiwans bis nach Chishang und am Folgetag ins benachbarte Taitung. Auf dem Weg inspizierte die Fünfergruppe riesige Buddha-Statuen und Tempel.

Tage 5 – 6: Höhepunkte ohne Rad

Aus kultureller Sicht war sicherlich der letzte Reisetag der Höhepunkt der Reise. Die Reisenden hatten die großartige Gelegenheit, am Musikfestival eines Stammes von Eingeborenen (der Amis) teilzunehmen, das alle zwei, drei Jahre stattfindet und mit einigen Tausend Besuchern gut besucht war. Auf die Besucher warteten ein Umzug von Amis (nach Geschlecht und Altersgruppen sortiert) und befreundeten Stämmen in festlichen Trachten, eine gute Mischung aus traditioneller und populärer Musik in austronesischen Sprachen sowie eine hervorragende Verpflegung bestehend aus lokalem Essen und japanischem Bier. Die Aufforderung der Festivalleitung war eindeutig: trinkt und habt Spaß zusammen. Dies wurde von den allermeisten Teilnehmern, uns eingeschlossen, auch sehr fleißig befolgt.

Die Amis bewohnen die ansonsten eher dünn besiedelte Ostküste Taiwans und zeichnen sich im Vergleich zu anderen Stämmen durch besonders farbenfrohe Gewänder aus. Die Männer trugen schwarze, neonfarbenverzierte Miniröcke, teils gekonnt gepaart mit weißen, hochgezogenen Nike-Tennissocken. Aus modischer Sicht ein absoluter Hingucker. Taiwan gilt als die Urheimat der austronesischen Sprachen, zu denen auch Indonesisch und Filipino gehören. Somit kommt dem Erhalt der Sprachen der Ureinwohner Taiwans eine ganz besondere Bedeutung zu. Und was gibt es Besseres, als dies mit einem großen Fest zu verbinden. Ein einmaliges Erlebnis!

Strava-Links Sven: Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4

Strava-Links Giordano: Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4

Marathon München – gepflegtes Leiden

Freunde von Stefan-Grinsebildern müssen sich leider auf die Saison 2024 gedulden:

Ein 42,19 km Sport-Ereignis – ohne Fahrrad (GMM 2023)

Dem Stammleser dieses Blogs sei vorab gesagt – der folgende Artikel enthält keine Abhandlungen von Kettenabwürfen, kaputten Umwerfern, Platten (trotz oder sogar wegen tubeless?) oder Wahoo/Komoot/Strava Fehlplanungen. Wer denkt, das liegt nur an der professionellen Vorbereitung des Artikel-Verfassers, der täuscht sich. Der Laufsport braucht keine Kette oder Reifen, und gilt daher als sehr pannensicher – oder hat jemand mal einen Läufer im Wald gesehen, der Werkzeug brauchte? Aber genug der Einleitung…

Nach meiner Krebs-Pause 2020 gab es einige Radfahrten aber keine wirklichen sportlichen Ziele oder Rennen. Göttingen 2023 zählt für mich nicht als Rennen – man kann bis 9:00 Uhr schlafen, die Strecke ist schön – und auch für den ambitionierten Hobby Radler machbar. Eine Arbeitskollegin aus UK und ein Studienfreund aus dem Nachbarort fragten mich innerhalb kurzer Zeit beim gemeinsam „Feierabendlauf“ -> Wieso ich denn nichtmal einen Marathon laufe…

Ich habe einige Tage überlegt, aber keine wirklich gute Ausrede gefunden… Das „Projekt Marathon“ war geboren. Es sollte der München Marathon am 08. Oktober 2023 sein, da dieser auch von meinem Studienfreund und Autor meines Trainingsplans anvisiert wurde 🙂

Also ging es nach einigen Trainingsläufen zur Laufanalyse nach Offenbach https://schneider-piecha.de/ (dem Sanitätshaus, in dem auch https://fahrradbiometrie.de/ ansässig ist). Es gab Laufschuhe von Brooks-Ghost mit speziell angepassten Lauf-Einlagen. Zudem wurde zur Telemetrie/Unterhaltung beim Training eine Apple Watch SE 2022 (40mm) angeschafft.

Da nur (gutes) Material kaufen noch keinen Läufer „schnell“ gemacht hat, wurde auch trainiert. Etwa 100- 130km / Monat. Grob eingeteilt in langweilige GA1 Ausdauereinheiten, Intervalleinheiten und wenige schnellere aber kürzere Läufe.

Zum Thema „schnell“ und „langsam“ ergibt sich noch die Frage – was ist eigentlich das Ziel des Projekts Marathon? Zur Auswahl standen: 1. Dabei sein ist alles, 2. Hauptsache ankommen, (es ist ja schließlich der erste Marathon) oder 3. ein Zeitziel. Die Auswahl ist auf 3. gefallen – als Freund von „runden“ Zahlen wurde das Ziel ausgerufen, Marathon in unter 4h.

Mit einer Zielzeit von 4h schlägt man in der Regel 50% der erfolgreichen (also ins Ziel gekommenen) Läufer. Da Laufsport seine eigenen Regeln hat, wird immer von „Pace“ geredet, wenn es um Geschwindigkeit geht – genau genommen ist das der Kehrwert selbiger. Die Einheit der Pace ist min/km. Für das angestrebte Ziel müssen die 5:41 min/km unterboten werden…

In der Woche vor dem Marathon gab es Koffein-Verbot, Laufverbot (aber nur für mich, mein Coach musste unbedingt „weitertrainieren“) – und 3 Tage vorher wurden bereits viele Kohlehydrate gespachtelt. Der Tag vor dem Wettkampf wurde in Ingolstadt zum Auffüllen der Flüssigkeitsspeicher und für einen 6 km „Aktivierungslauf“ genutzt.

Der Wettkampf startete in Startblock B um 9:05 (theoretisch) bei perfektem Wetter. Die Startblockzuteilung war durch reines Eintragen einer Zielzeit beim Anmelden erfolgt. Die sogenannten „Pace-Maker“ waren sinnigerweise alle auf 9:00 getrimmt, sodass es für mich, mit der realen Start-Linien-Überquerung um 9:08,1s – komplett nutzlos war, mich an einer solchen Gruppe zu orientieren. Also musste ein teuflischer Plan her – nur die Apple-Watch und ich – gegen die „Uhr“.

Dank Wettkampfaufregung war der Puls direkt nach dem 1. km bei 159 bpm. Die Idee war einfach: Sich über die ersten 21km einen kleinen Puffer zu erarbeiten, ohne dabei zu viele Körner zu lassen. Mein längster Trainingslauf waren 30km. Alle sagten mir – bei km 30 kommt der Mann mit dem großen Hammer. Da es Berge nicht gab, und Windschatten beim Rumgurken mit 10-11km/h nichts bringt, konnte man sich voll auf Puls/Pacing und regelmäßiges Trinken konzentrieren. Es wurden 4x 67ml Hydro-Gels in der Geschmacksrichtung orange ins Radtrickot (ja, liebe Radsportfreunde, doch noch was gefunden :)) und 2x Hydro-Gels Cola (mit jeweils 100mg Coffein) in die Laufhosentasche gesteckt. Die Laune war gut, die Pace (5:33) und der Puls (=165 bpm) stabil. Jeder km wurde mit Vibrations-Alarm der Apfel-Uhr zelebriert. Die ersten Gels wurden bei km 7 und 14 bzw. 20 aus dem Trikot gezaubert. An den Verpflegungsständen wurden aus dem Lauf heraus Wasserbecher mit genommen bzw. getrunken – und in einigen Fällen sogar fachgerecht durchs Werfen in die aufgestellten Müllbehälter entsorgt. Von km 7 bis 20 war der Puls bis auf +- 1 Schlag angetackert bei 165 bpm und jeder km ergab einige Sekunden zusätzliches „Polster“. Alles in allem eine perfekte 1. Hälfte. (5:33,7 Gesamt-Pace); zur guten Stimmung haben neben vielen Zuschauern an der Strecke zwei Live Bands beigetragen.

Bei km 21+22 war es dann soweit -> die Wohlfühl-Pace ist auf 5:45 und 5:46 „eingebrochen“, der Puls blieb stabil bei 165 bpm. Ein Joker musste her, diese Zeiten bis km 42 halten zu wollen, ohne auch nur eine Sekunde Reserve zu haben, grenzt an russisch Roulette. Vor allem, was tückisch ist: Wer sagt einem, wie lang die Strecke laut GPS-Uhr ist? Wer garantiert mir, dass ich 42,19 km laufe – und nicht 42,3 oder sogar 42,5, weil „kein Grip auf der Ideallinie“ war? Steve Jobs leider nicht mehr… 🙁

Der Joker hieß Hydro-Gel Cola und wurde aus der Tasche gezogen. Das Gel habe ich langsam über 1,5km verteilt zugeführt, um langfristige Wirkung zu erzielen. Die Pace ist auf den folgenden 3 km wieder deutlich unter 5:40 gewesen, und hat den Puls auf 173bpm gehoben, aber mich zurück auf Kurs gebracht (25km, Pace 5:34,6). Ein Glück, waren es nur noch 17,2 km bis ins Ziel, weshalb ich den Joker an der Stelle Trick 17 taufe.

Zitat „Die ironische Wendung „Trick 17 mit Selbstüberlistung“ bezeichnet jedoch als spöttischer Kommentar einen (meist vermeintlich raffinierten) Lösungsansatz, der auf mehr oder minder komische Weise scheitert.“

Das waren also super Aussichten. Zurück zum Renngeschehen – der 28. km wurde mit 5:45 zurückgelegt, welcher natürlich etwas Puffer kostete, aber etwas Puffer ist ja eingeplant. Km 29-32 grenzten an einer Katastrophe. Trotz trinken bzw. Gel Einsatz war die Pace bei 6min. 10km bis zum Ziel und die Sicherheit – das ist zu langsam! Die Beine beginnen an zu brennen – der Mann mit dem großen Hammer ist da! Dieser bringt nicht nur Schmerzen, sondern laut Puls-Uhr auch einen niedrigen Puls von „nur noch 166 bpm“. Und alle Sportler wissen es – Puls ist wie Spülmittel: Viel hilft viel!

Die folgende Methode ist nicht zum Nachmachen zu Hause geeignet: Externes Pacing – sich an jemand oder jemandin dran hängen, die eigentlich zu schnell läuft, sämtliche Körperreaktionen / Kopfbefehle ignorieren – einfach nur hinterher! DANKE Sophie #2740 – Das Highlight der Aktion: bei km 34 und 35 mit jeweils 5:34 und 176 bpm.

An der vorletzten Verpflegungsstation bei km 36 oder 37 verliere ich Sophie, warum genau weiß ich nicht mehr. Die Pace war gut, der Puls weiter im Anschlag. Dass diese Aktion natürlich nicht ohne Folgen bleiben sollte, zeigt sich nach km 39. Ein Gefühl von leicht einsetzenden Krämpfen und katastrophaler Pace von 6:21. Auf die Uhr gucken und noch irgendwas „checken“ – Fehlanzeige. Ob die Kilometer auf den Schildern noch zu jener auf der Uhr passen – kA. Die Apple-Watch hat auf jeden Fall schon was von 5% oder 10% Akku – bitte Laden angezeigt – und ist daher nicht mehr mein Trumpf. Die letzte Verpflegungsstation baut sich vor mir auf. (Da gehen ja wohl nur die hin, die sich ihr Rennen schlecht eingeteilt haben…..)

….und ich! – Die Angst, beim Anhalten Krämpfe zu kriegen und, wie schon viele andere Mitläufer am Straßenrand zu liegen, wird ignoriert – Alle mit genommenen Gels waren alle. Es folgt kurzes Gehen und Wasser, ekeliges Iso und ein Stück Banane! Es folgt das letzte Loslaufen, erfreulicherweise ohne Krampf 🙂 Es sind nur noch 2,2km – und die Uhr zeigt 5:40 gesamt Pace, das kann zu viel sein… Das Einlaufen Richtung Olympia Park/Station ist voller Zuschauer gespickt. 5:32 und 5:35 mit 178bpm – mit dem Gefühl es KÖNNTE reichen. „Schlusssprint“ (350m mit 5:15).

Ich drücke „Training-Beenden“ auf der Watch – sie zeigt 3:59min 27s. Das offizielle Timing bestätigt eine 3:59:28s. Ich kann kaum noch gehen, aber verdrücke einige Freuden/Stolz-Tränen – Das gesetzte Ziel „einfach nur für mich“ ist erreicht! Besonders wenn ich daran denke, dass ich vor genau 3 Jahren am „Tropf“ hing und sportlich gar nichts mehr konnte… So kann ich heute wieder sagen: Läuft bei mir – diesmal aber im besseren Kontext!

Ich danke an der Stelle allen, die mich auf dem Weg dahin unterstützt haben!